Kapitel 1 - Das Haus am Ende der Straße
Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden gerade hinter dem Horizont. Seit einigen Minuten leuchteten die Straßenlaternen und tauchten den kleinen Ort Wingerden in ein schwaches Orange. Am Ende der Linger-Road stand ein kleines Einfamilien-haus. Nummer 13 stand am Zaun. Der teilweise abblätternde Putz an den Wänden ließ einen sofort erkennen, dass es sich hier nicht um ein neues Haus handelt. Trotz dessen hatte dieses Haus einen gewissen Charme. Der noch vorhandene bläuliche Putz umrahmte die dunkelroten Fenster in einer ganz eigenen Art. Die kleine Terrasse direkt vor der Eingangstür diente den Bewohnern als Platz für Mittag- oder Abendessen. Das Haus stand mittig auf dem Grundstück. Ein kleiner orangefarbiger Zaun umrahmte es. Nur das hohe Gartentor, welches neueren Baujahrs war, fiel hier etwas aus dem Rahmen. Im Vorgarten wuchsen die prächtigsten Pflanzen. Rote und gelbe Rosensträu-cher gab es in Hülle und Fülle. Der rötlich schimmernde Kiesweg der sich durch den Garten bis zur Terrasse schlängelte wurde zu beiden Seiten von diesen gesäumt. Eine alte Eiche stand mittig auf dem gut gepflegten Rasen und spendete der abgetrennten Liegewiese etwas Schatten. Das auffälligste an dem Haus war aber, dass es nicht wie alle anderen in der Straße gedeckt war. Hier fanden keine Dachziegel ihren Platz. Auf Haus Nummer 13 war ein Reetdach zu sehen. Feine Schilfrohre, von der Witterung schon etwas mitgenommen, waren in einer unzählbaren Menge auf dem Dach verteilt. Aber heute hatten sie keinen Regen ab-zuhalten.
Trotz dessen, dass die Sonne bereits verschwunden war, waren noch immer mehr als angenehme Temperaturen, aber die Hitze ließ nach. Vom nahe gelegenen Strand sah man vereinzelte Pär-chen kommen Einige waren den Nachmittag über im Meer baden und gingen nun nach Hause, andere sind nur an den Strand gegangen, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Ein Pär-chen, noch im jungen Teenager Alter wirkte besonders glücklich. >>Komm Amber, der Abend ist noch lange nicht zu Ende!<< sagte der Junge, ja sang er fast. Dabei sprang er fröhlich im Kreis um das Mädchen. Auch wenn das Mädchen nicht so ausgelassen wie der Junge wirkte, hatte sie doch ein verschlagenes Lächeln auf den Lippen. Die beiden gingen die Linger-Road entlang und verschwanden an der nächsten Kreuzung in einer Nebenstraße.
Auch wenn sich Haus Nummer 13 durch sein auffälliges Dach von den anderen in der Umgebung abhob, so hatten sich die Nachbarn mit der Zeit daran gewöhnt. Kaum einer blickte noch auf das, für die ansonsten vornehme Gegend, ärmlich wirkende Haus. In den meisten Häusern war das Flimmern des Fernsehap-parats zu sehen, nur nicht in Haus Nummer 13. Bis auf zwei Zimmer waren alle dunkel. Im Wohnzimmer saßen drei Leute um den Couchtisch versammelt. Sie spielten ein Brettspiel, schienen dabei viel Freude zu haben. Im gesamten Zimmer war kein Fernseher zu sehen. Im ganzen Haus war keiner vorhanden. Dafür standen jede Menge Regale in dem Haus verteilt. In jedem Regal waren mehr Bücher als in dem vorherigen. Von der einfa-chen Kinderlektüre über Fachbücher jeglicher Sachgebiete bis hin zu dicken Wälzern, die man kaum als Erwachsener versteht war alles in Massen in den Regalen zu finden. Jedes der Bücher sah aus, als ob es mindestens einmal gelesen wurde. Manche waren wohl sogar so alt, das sie langsam begannen zu zerfallen. Aber nicht alle im Haus waren an dem Spiel beteiligt. Durch das Fenster konnte man sehen, das im Haus noch gearbeitet wurde. Ein junges Mädchen stand noch in der Küche. Das Mädchen hieß Helen. Sie schaute auf die Uhr – kurz vor neun Uhr.
Helen machte sich ihr Frühstück für den nächsten Schultag. Es wird wohl wieder so ein grausamer Tag, niemand hat bei der Hitze Lust etwas zu machen, dachte sie sich. Ein langer Schultag steht Helen bevor. Aber mittlerweile hat sie sich schon ein wenig daran gewöhnt. Nachdem das Frühstück fertig war, machte sie sich auf den Weg zum Badezimmer. Vor einigen Minuten hatte sie das Wasser aufgedreht um noch ein Bad zu nehmen bevor es ins Bett geht, nun müsste die Wanne eigentlich voll sein. Als sie durch den Flur ging schaute sie aus dem Fenster. Was war das? Helen war sich nicht sicher, was sie da gerade gesehen hatte. Es sah aus wie eine Eule. Aber keine normale Eule, diese war min-destens dreimal so groß wie eine normale. Als sie näher zum Fenster ging und hinaus sah, war da nichts. Die Laternen leuch-teten so wie jede Nacht. Die Fensterläden der Nachbarhäuser wurden nach und nach alle verschlossen und die letzten Men-schen gingen nach Hause. Aber nirgends war der Vogel zu erbli-cken. Es war wohl nur ein Schatten, vielleicht von der großen Eiche im Vorgarten. Auch wenn es ein sehr merkwürdiger Schatten war.
Ein bisschen irritiert von dem vermeintlichen Schatten ging He-len weiter zum Badezimmer. Der Dielenboden im Flur knarrte seit Monaten fürchterlich, aber ihr Vater fand nicht die Zeit, dies zu beheben. An der Badezimmertür angekommen musste sie feststellen, dass diese verschlossen war. >>Wer ist denn im Bad?<< rief sie durch die Tür. Keine Reaktion. >>Hallo, wer ist hier drin, das Wasser läuft noch, ich muss ins Bad!<< rief sie erneut. Wieder keine Reaktion. Jetzt wurde Helen lauter >>HAL-LO, ich muss ins Bad! Meine Güte wer ist denn drin?<< Diesmal kam eine Antwort >>Ich bin hier drin. Brüll bitte nicht so rum. << Helens große Schwester Denise rief aus dem Badezimmer her-aus. >>Warum schließt du dich ein? Du weißt doch das Papa das nicht möchte.<< wollte Helen wissen, doch wieder kam erst mal keine Antwort. >>Denise, was ist denn los?<< Diesmal antwortete sie >>Geh weg! Ich will mit niemandem reden!<< Helen, die ihre Schwester besser kannte als jeder andere Mensch war klar, dass es in diesem Moment keinen Sinn hatte, weiter durch die verschlossene Tür mit Denise zu reden. Wenigstens hörte sie, dass Denise das Wasser abgedreht hatte. Unverrichteter Dinge ging sie nun nochmal in die Küche, um dort noch ein wenig für Ordnung zu sorgen.
Aus dem Wohnzimmer rief jemand >>Helen, du bist doch in der Küche, kannst du mal bitte was zu trinken ins Wohnzimmer bringen?<< Helen antwortete >>Ja Papa, bin gleich da.<< Als Helen in den Kühlschrank sah musste sie aber feststellen, dass keine Getränke mehr darin waren. Na toll, dachte sich Helen, jetzt muss ich auch noch in den Keller runter. Den Keller des Hauses konnte niemand leiden. Hier runter brachte jeder alles, was er nicht mehr gebrauchen konnte. Er roch alt und muffig und die Feuchtigkeit in den Wänden war auch nicht mehr zu leugnen. Die weiße Farbe blätterte an einigen Stellen bereits von den Wänden ab. Aber trotzdem befand sich hier unten ein kleines Vorratslager an Getränken. Von Cola über Orangenbrause bis hin zu Bier und anderen alkoholischen Getränken war von allem was zu finden. Die Kellertür war immer von außen abgeschlossen, weil eines der Kellerfenster kaputt war und nur durch ein Stück Karton verschlossen wurde. Aber das sollte jemandem der ins Haus wollte nicht wirklich ein Hindernis darstellen. So hätte man wenigstens nur in den Keller gekonnt. Der alte, rostige Schlüssel ließ sich nur schwer umdrehen. Mit einem quietschenden Geräusch schob Helen die Tür auf. Bevor sie die steile Treppe hinunter ging rief sie noch >>Ich gehe in den Keller was zu trinken holen, was soll ich denn mitbringen?<< Die Mutter antwortete >>Bring den guten Rotwein mit. Und für Papa eine Flasche Bier, aber das aus dem Kühlschrank.<< Helens kleiner Bruder wollte auch noch was >>Und gucke mal bitte, ob wir noch rote Brause haben, die mag ich haben.<< Na toll, jeder will wieder was anderes und ich darf es alles schleppen, dachte sie.
Kurze Zeit später hatte sie alles nach oben geschafft und in der Küche auf ein Tablett gestellt. Für sich selbst brachte sie noch eine kleine Flasche Mineralwasser mit. St. Geep’s, ihr Lieblings-marke. Aus dem Schrank holte Helen noch ein paar Trinkgläser, brachte dann alles in das Wohnzimmer und stellte es auf dem Beistelltisch ab.
>>Weiß einer von euch, was mit Denise ist?<< fragte sie in die Runde. Ihre Mutter sah sie kurz an, und schaut dann wieder auf ihr Spiel. Sie war am Zug. Geschick warf Helens Mutter die drei Würfel. Drei Sechsen. Meine Güte, wieso hat sie immer so ein Glück beim würfeln? Helen konnte das mal wieder nicht fassen. Ihre Mutter hatte damit das Spiel gewonnen und, auch wenn sie ein herzensguter Mensch war, sie war ein schlechter Gewinner. Mit einem Grinsen im Gesicht und einem mehr schelmisch als freundlich klingendem Lachen stand sie auf und verschwand in der Küche. Kurze Zeit später kam sie wieder ins Wohnzimmer zurück. Helen hatte die Weingläser vergessen und ihre Mutter hatte sie noch schnell geholt.
>>Was ist denn nun mit Denise? Sie lässt mich nicht in das Bade-zimmer.<< Helen war noch immer neugierig. Diesmal antwortete der Vater >>Lass die Mutti doch erst mal die Getränke eingießen, sie wird dir schon alles sagen.<< Was soll das denn jetzt? Die machen ein Geheimnis um das Ganze, dachte sich Helen. Als die Mutter alles etwas eingeschenkt hatte setzte sie sich hin. >>Ich hab vorhin mit Denise gesprochen, ihr wisst ja, das sie seit mittlerweile sieben Jahren mit Simon zusammen ist. Und nein, sie wollen immer noch nicht heiraten<< fügte sie schnell an >>jedenfalls wollte Denise mit mir unter vier Augen sprechen um mir folgendes zu sagen<< eine Pause von einer gefühlten Ewigkeit entstand. >>Mutti, darf ich Oma zu dir sagen?<< Zuerst reagierte keiner, doch dann viel Helen ihrer Mutter um den Hals. >>Ich werde Tante<< rief sie hinaus.
saniyah am 05. Januar 11
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